1972 hatte im Wachenbachtal ein richtiges Zeltlager stattgefunden. Es war Spielen, Toben und abends ins Lagerfeuer stieren mit den anderen Kindern, die ich sonst auf den Familienlagern der ehemaligen Pfadfinder einmal im Jahr sah. Man konnte „Lagerbauten" ausprobieren. Mein Cousin war aus Italien da: mit Gipsbein über den Acker und Fußball drauf und drauf. Peter Mü. mit Big-Fish-Mac: eine Scheibe Brot als Unterlage, eine Dose roten Fisch als Auflage und eine Scheibe Brot als Deckel. Wir waren zehn und zwölf und vierzehn Jahre alt.
Ein Freundeskreis von ehemaligen Pfadfindern der Aschaffenburger Stämme Johannisburg (Stiftspfarrei) und Mariam (Mutter-Gottes) und ihre Familien trafen sich schon seit geraumer Zeit alljährlich mit den heranwachsenden Kindern zu Familienzeltlagern. Oft waren sie ganz einfach auf Nickel Ro. Wiese in Hösbach zusammen. Rudolf Ke., einer der Ehemaligen, der als Bruder bei den Weißen Vätern in Ghana wirkt, gab den Anstoß. Bei seinem Heimaturlaub besuchte er natürlich die befreundeten Familien auf dem Lager. Es kam der Gedanke auf, den Kindern ein Erlebnisfeld, einen Raum zu eröffnen, wie man ihn selber im Pfadfinderverband erfahren hatte.
Die Arbeit des Stammes Johannisburg, der bereits 1932 gegründet worden war und nach dem Verbot durch die Nazis nach dem Krieg eine wirkliche Blütezeit erlebt hatte, war Anfang der Siebziger zum Erliegen gekommen. Hochs und Tiefs in der Jugendarbeit waren wohl die Ursache, sicher natürlich auch, weil neue Ideen und Leute mit anderen Vorstellungen als in den Fünfzigern die verbandliche Arbeit geprägt und verändert hatten und die Kommunikation mit den Früheren nur spärlich floß.
Auf alle Fälle: wo so viele Kinder waren, wo man zum Teil sein ganzes Leben von der Pfadfinderidee geprägt sah und wo diese Idee auch in den Familien, bei den Lagern immer wieder lebendig wurde, lag es in der Luft, wieder einen neuen Anfang zu probieren.
1969 war ich in das Kronberg -Gymnasium gekommen. Sohn des Hausmeisters, dicker Kerl mit Brille, schüchtern. In den Sommerferien 1972, vor dem Wechsel in die achte Klasse, durfte ich mit meinem Vater zu einer Freizeit auf das Gruescher Aelpli in der Schweiz fahren. Als guter Engel des Hauses hatte er für Ernst von Ki. und seine Bergwanderer den Verpflegungspart übernommen.
Ich erinnere mich noch an ein Gespräch „unter Männern": Hat Dir das Lager Spaß gemacht? Könntest Du Dir vorstellen eine Gruppenstunde „zu halten"? Zögern; Nicht wissen, was das alles bedeutet. „Du kennst schon viel von den Pfadfindern aus den Erzählungen! Kannst Du Dir, vorstellen, selber in so einer Gruppe zu sein? - Und wenn Du Schwierigkeiten hast, werd' ich Dir jederzeit helfen."
Im Herbst 72 haben wir angefangen. Hubert He. stellte einen kaum benutzen Speicherraum, ja das Esszimmer in der Sandgasse zum Treffen für die „Pfadfinder" zur Verfügung - zum Dank sägten wir beim Vogelhäuschenbau ordentlich in den großen Eichentisch. Ich war vierzehn und Stammesfürst, die Kerle in der Jungpfadfindergruppe zwölf und Schorsch mein Freund. Wölflinge gab es auch, da die Kinder der ehemaligen Pfadfinder halt im besten Abstand für Pfadfindergruppen auf die Welt gekommen waren. Später fanden wir dann Unterschlupf im sogenannten Stiftsheim, das ehemalige Pfadfinder aus der Stiftspfarrei mitgebaut hatten (heute ein Platz an der Stadtmauer hinter der Löwenapotheke und dem Küsterhaus am Stiftsplatz). Den Schlüssel von Küster Schi. zu erhalten, glich jedesmal einem Bußgang, na ja: die Pfadfinder klopften ihm dafür die langen roten Kirchenteppiche im Pfarrgarten. Wieder später wanderte der Stamm in den städtischen Obstgarten an der Berliner Allee mit seinem Fachwerkhaus.
Am Anfang waren es 20, bald 40 Kinder. 1977, als Peter Mü. Stammesleiter wurde, hatte der Stamm etwa 70 Mitglieder und war immer noch am Wachsen. Nur Jungs machten die ersten Jahre mit. In der Zeit der Ehemaligen war Koedukation ja auch noch ein richtiges Fremdwort gewesen - und wir wußten es zunächst nicht anders. Da es Brüder gab und immer mehr Zulauf, wurden die Jungpfadfinder bald in zwei Gruppen geteilt. Die „Sippe Adler" mit Jörg Ja. als „Chef" und die „Sippe Eule" mit Paul Mo. als „Chef" machten einen Jungpfadfindertrupp aus. Der „Ober-Chef" mußte einen Kornettkurs besuchen und die Sache lief irgendwie mit höchster Dynamik. Die „Kleinen" hatten ihre Heimat in der „Sippe Falke", die Peter Mü. leitete, der „Sippe Hirsch", die Georg He. leitete und später in der Sippe Panther oder der „Sippe Fuchs", die Klemens Fl. leitete. Die Leiterrunde hieß „Kornettrunde" und Zeltlagerüberfälle waren höchst beliebte Geheimunternehmen.
Wer alles noch dabei war? Udo Schü., Veit und Josef Fl., Thomas Kr., Bernhard He., Markus Ja., Thomas Br., Horst Kö., Tristan Ma., Jürgen Me. genannt Teddy oder Thomas St. genannt Nylon, ... , Markus Ro., Benno und Erik Fl., ... , Martin Ob., Burkhard Fl., Burkard Lo., Robert Mo., Klaus Ki., Gottfried Gö., ... , Jürgen Wi., Thomas De., Christian Pa., Hans und Thomas Ke., Christoph Fö., .... , und viele viele andere.
Unterstützung haben wir in dieser Zeit in erster Linie von den Eltern erfahren. Nur einige von ebenfalls ganz vielen fallen mir ein: Günter Ro., Christel Lo., Hubert He., Jakob Fl., Hedy Ja., Richard Br., Günter De., Gerhard Ob. ... Die ganzen tapferen Mütter dürfen natürlich absolut nicht vergessen werden, hatten sie doch meist den unliebsamen Part „Zeltlagerwäsche" oder Fahrdienste oder oder oder. Mit Willem (Wilhelm Wi.) hatten wir einen echten Schatzhüter: Auf dem DJK-Gelände hatte er als „Materialwart" über Jahre Zelte, Feldtelefonanlage, Feldbetten, Klappspaten, Tornister usw. gehütet. Die Ausstattung war perfekt und wurde durch Sperrmüllfunde und NATO-Shop-Ausrüstung vervollkommnet.
Aber auch der DPSG-Bezirk kümmerte sich um den neuen Sproß: Reinhold Kn. war damals Vorsitzender, später Winfried St.. Willi Di., der Pfarrer von Niedernberg, war Bezirkskurat und ließ sich manchmal sehen. Im Stamm konnten wir Oskar Ki., Norbert Eh. oder Edwin Ba. in dieser Rolle erleben. Vielleicht erinnern sie sich auch noch an manche -nicht immer einfache- Gruppenstunde oder an stimmungsvolle Versprechensfeiern wie zum Beispiel an der Noriswand. Sauber gezinkte Anträge auf Zuschuß wurden beim kirchlichen Jugendpfleger Manfred Bo., der in seiner Fülle das Stadtjugendringbüro selbst war, abgegeben. Mit den Pfadfinderinnen vom Stamm Stift der PSG verband uns manche Unternehmung, manche Schwärmerei und manche Haßliebe.
Ich hatte es lange nicht gerafft, in welchem Verband ich eigentlich war. Nolens volens hatte ich mit den Idealen, Strukturen und Methoden von 1955 begonnen. Irgendwann holten mich die „team-Reihe" des Verbandes, Fortbildungen auf Bezirksebene und Kontakte zu anderen Pfadfinderstämmen zum Beispiel bei der Diözesanveranstaltung „Bumerang" '76 ein. Es gibt eigentlich keine Stammesfeldmeister oder -führer mehr, sondern Leiter. Und der „Kornett" ist eigentlich ein von der eigenen Gruppe gewählter Sprecher - falls es ihn überhaupt noch gibt. Richtiger Leiter wird man in der DPSG eigentlich erst ab 18 Jahren und nachdem man auf Diözesanebene einen Vorbereitungskurs, auf Bundesebene einen Woodbadgekurs mit entsprechender schriftlicher Arbeit absolviert hat. Die DPSG hatte in den Siebzigern die pädagogische Wende aller Jugendverbände mitvollzogen und verstand sich nicht mehr als Verband der Kirche, sondern als einer in der Kirche. Das charakteristisch Pfadfinderische aber, Natur- und Lebensweltorientierung, das Lernen aus der Erfahrung, das Leben in Groß- und Kleingruppe, die Orientierung an Leitlinien, religiöse und politische Bildung und ein Versprechen abzugeben, das war nach wie vor ein Rahmen, in den man sich hinein verändern konnte.
Unsere Unternehmungen und Aktivitäten aus der damaligen Zeit können sich sehen lassen und haben sicherlich allen Kerlen 'was gebracht: Bootstour von Bamberg nach Würzburg mit zwei riesigen Bundeswehr-Schlauchbooten (Rafting als noch keiner daran dachte), Fahrradtour an den Bodensee und zurück (um Herbert Sp., einen „berühmten" ehemaligen Pfadfinder und seine Familie zu besuchen), Teestunden, Sternwallfahrt, Stafetten, Singeabende, Wanderungen, Treffen mit amerikanischen Boy-Scouts, „Round-Tables", Fußballturniere, Zeltlager (im Steigerwald bei Trossenfurt, im Spessart an der Nickelsmühle oder auf dem Bundesgelände der DPSG in Westernohe), Jugendherbergsaufenthalte (oft auf der Breuburg, auf Burg Rothenfels, in Lohr oder Otzberg), Ausbau von Pfadfinderheim oder Bauwagen, Jugendgottesdienste, Aktionen mit Gruppen der Pfadfinderinnen (PSG), Treffen mit Behindertengruppen, Spieleschulungen, Fahrradtour nach Köln und zurück, berühmte Pfadfinderparties im Stiftsheim und so weiter. ,
... - alles in allem aber: mit 14 Jahren gleich als Leiter anzufangen ist die Überforderung schlechthin, prägt einen jedoch vehement. „Autoritär sein" wird die Dauerverwechslung mit „Autorität sein", weil man sich gar nicht anders behaupten kann gegenüber den zwei Jahre jüngeren. Die wollen selber wachsen und bräuchten einen reifen Widerpart. Im Nachhinein gesehen ist es ein Segen, daß nichts Schlimmeres passiert ist, daß Verantwortung in kleineren Portionen tragbar war und wir pädagogisch nie den absoluten Schiffbruch erlitten haben. Im Gegenteil - wir haben sogar etwas „fürs Leben" gelernt. Gut, daß es mir nicht erspart blieb, in einem anderen Rahmen noch mal als Gruppenleiter anzufangen, um eine neue, mehr partnerschaftliche Pädagogik auszuprobieren. Peter und Veit und später Martin, Benno oder Burkard hatten die Chance, dem Stamm ein neues Gesicht zu geben und Kindern und Jugendlichen weitere hervorragende Erlebnisfelder und Erfahrungsräume aufzuschließen.
Ich hoffe natürlich, daß es mit Elan weitergeht, und wünsche allen im derzeitigen Stamm entsprechend „gut Pfad".
Aschaffenburg, zum 19.07.97
Robert Flö.