Stefanie Walldorf:

Mit Leib und Seele Pfadfinderin

Aschaffenburg. »Pfadfinder, das sind doch Jungs in Shorts und Khakihemden, die singend durch die Welt marschieren und ständig gute Taten vollbringen.« So das Klischee in vielen Köpfen. Wer sich die Mühe macht, hinter dieses Klischee zu blicken, wird von Menschen wie Stefanie Walldorf überrascht.
Die 24-Jährige ist mit Leib und Seele Pfadfinderin. Ein Leben ohne die Erfahrungen der vergangenen Jahre, ohne Zeltlager und Freunde ist für sie unvorstellbar. Dabei kam die Lehramtsstudentin eher zufällig zum Stamm Johannisburg der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg (DPSG): »Als ich elf war, hat meine Mutter eine Anzeige in der Zeitung gelesen und gedacht, etwas "Soziales" könne neben dem Sport nichts schaden.«

Der Neuzugang im Stamm wurde damals den Wölflingen angegliedert. Vier Altersstufen unterscheidet die DPSG: Wölflinge für Acht- bis Elfjährige, Jupfis (elf bis 13), Pfadis (13 bis 16) und die Rover-Stufe für junge Leute zwischen 16 und etwa 20 Jahre.
Für Stefanie Walldorf war klar: Sie wollte dabei bleiben und sich engagieren. 1997 absolvierte sie eine Gruppenleiter-Schulung beim DPSG-Bezirk Unterfranken. Fünf Jahre lang leitete sie die Gruppe der Jupfi-Stufe, bis sie im Mai 2002 zusammen mit Jörg Witzorkiwitz den Vorstand des Stammes Johannisburg bildete.
Andere gehen zum Studium weit weg, die junge Frau aus Nilkheim kam nach einem Au-Pair-Aufenthalt in Südafrika in die Heimat zurück. Ein Studienplatz in Frankfurt musste es sein, damit die Gruppenstunden und Wochenendunternehmen in erreichbarer Entfernung blieben. Selbst die gerade fertig gestellte Examensarbeit hat die Englisch- und Sozialkundestudentin auf ihr Hobby abgestimmt, wie der Titel beweist: »Politische Bildung in der verbandlichen Jugendarbeit am Beispiel der Deutschen Pfadfinderschaft Sankt Georg und ihrer Jahresaktionen.«

Wenn Stefanie Walldorf von Abenden am Lagerfeuer schwärmt, an denen über Gott und die Welt geredet wird, wenn sie vom alljährlichen Fronleichnams-Zeltlager auf dem Grauberg erzählt, zu dem nicht nur der Stamm Johannisburg anrückt, sondern auch viele ehemalige Mitglieder kommen, teils mit Frau und Kindern, dann wird klar, was für sie die Faszination am Pfadfindertum ausmacht.
Im Mai läuft die Amtszeit von Stefanie Walldorf aus. Dann wird sie den Vorsitz niederlegen. »Im November beginnt mein Referendariat und ich habe keine Ahnung, wo ich landen werde«, begründet sie den Entschluss, den sie sich nicht leicht gemacht hat. »Zum großen Diözesanlager im Sommer fahre ich aber noch mit«, sagt sie. Dieses besondere Erlebnis, mit vielen anderen Pfadfindern zusammen zu sein, wolle sie ihrem Stamm nicht vorenthalten.
»Es ist einfach toll, mit Gleichaltrigen zusammen zu sein und die Natur intensiv zu erleben«, sagt sie. Pfadfinder sein bedeutet für sie, gemeinsam Erfahrungen zu sammeln, Entscheidungen zu treffen, Eigenständigkeit zu üben und Mitverantwortung zu übernehmen. »Pfadfinder erfahren Dinge, die nicht alltäglich sind«, sagt sie. »Ein Winterzeltlager macht eben nicht jeder.«
Die künftige Haupt- und Realschullehrerin ist immer wieder erstaunt, für welche Aufgaben Kinder und Jugendliche heute noch zu begeistern sind. Da zählten nicht nur Taschengeld, Klamotten und Computerspiele. »Wir zwingen sie nicht, aber die wollen irgendwann raus und was erleben.«
Im vergangenen Jahr habe die Pfadi-Gruppe selbst entschieden, die 50 Kilometer bis zu einem Lager zu Fuß zu bewältigen. »Die haben sich die Aufgaben aufgeteilt. Eine war fürs Kochen zuständig, einer hat die Strecke ausgesucht.« Anstrengungen, Schmutz oder Kälte spielten da keine Rolle mehr. Was zähle, sei der Spaß.
»Die Gruppendynamik spielt eine große Rolle«, so Walldorf. »Man ist nie allein, aber man trägt auch Verantwortung für die Gruppe. Irgendwann wird das selbstständige und verantwortungsvolle Handeln zur Lebenseinstellung.«
Rund 35 Mitglieder hat der Stamm Johannisburg, etwa die Hälfte davon Mädchen. Meist schicken nur Eltern, die selbst schon Pfadfinder waren, ihre Kinder zur DPSG. Gilt Stefanie Walldorf unter ihren Freunden als Exot? »Nein«, lacht sie. »Ich habe alle meine guten Freunde unter den Pfadfindern gefunden.«

Quelle: Main-Echo von Freitag,31.01.2003
sei